


Kunstjournal 2026
Ana Mendieta (1948-1985). Tate Modern, 14. Juli 2026 – 17. Januar 2027, London.
Mendietas körperzentrierte Kunst wird in der Tate Modern skulptural, fotografisch, grafisch, filmisch und über Installationen repräsentiert. Die kleine und feine Ausstellung entwickelt in jedem Medium Kraft und ist in den Kurzfilmen am persönlichsten. Auf grossformatigen Screens lebt die kubanisch-amerikanische Künstlerin; sie ist in ihrer körperlichen Einzigartigkeit präsent, während die anderen Medien gewissermassen Spuren ihres Daseins vermitteln.
I FEEL SUSPENDED BETWEEN SKY AND EARTH. THE OBSESSION IN MY WORK – TO REAFFIRM MYSELF IN THIS WORLD. (Ana Mendieta)
Ein einziger Kurzfilm sei hier versuchsweise sprachlich vergegenwärtigt: Mendietas übergrosses Porträt auf schwarzem Hintergrund. Das Licht mittig frontal auf ihrem schönen Gesicht. Schwarzes, streng gescheiteltes und nach dem Hinterkopf gebundenes Haar. Eine hohe, helle, leuchtende Stirn über symmetrisch gebogenen Brauen. Geschlossene Augen, wie kleinere Gegenbogen. Die Ohren frei. Hohe Wangenknochen, der Nasenrücken lang und schmal, seine Spitze rund erleuchtet. Lichterfüllt auch das Philtrum, schimmernd nur die vollen Lippen, der Amorbogen mit Licht nachgezeichnet. Im Kinnschatten der Hals.
Ein Film? Stille. Statik. In Zeitlupe und ohne die mindeste Bewegung der Kamera zeigt sich nach Minuten eine leichte Röte am schwarzen Haaransatz. War die schon immer da? Habe ich sie nur übersehen? Das Rot im Scheitelansatz deutlicher jetzt. Flächiger. Quälend langsam und unaufhaltsam intensiviert es sich. Krank sehen Scheitel und Stirn zunehmend aus. Übermässig gespannte Haut, die zu platzen droht. Hier und da, wieder und nochmals an einem anderen Punkt gibt sie tatsächlich nach. Blut tritt aus, Tropfen nur. Sie fliessen über die helle Stirn, fliessen aus dem nun tief roten Scheitelkranz heraus; einzeln und sämig zeichnen sie ihre Bahnen und Wege über Gesichtsrundungen. Kein Blutsturz, kein Strömen – eher ein so stilles wie zähes Bluten eines weiblichen Hauptes.
Die kunsthistorische Tradition der Maria als Mater Dolorosa und die Ikonografie des mit Dornen gekrönten Christus scheinen auf., die ich beide nicht als Bildspender, aber als Themenspender verwerfe. Es geht bei Ana Mendieta nicht ausschliesslich um das Leiden der Mütter. Auch eine Geste des Hohnes, eine Dornenkrone, thematisiert die Künstlerin nicht. Es gelingt ihr vielmehr, im Medium des Films (einem Bildmedium, das sich in der Zeit entfaltet) eine Selbstbestätigung (reaffirmation) zu objektivieren, die nicht ausblendet, weil sie ein ganzes Spektrum des Erlebens in der Welt zu zeigen vermag: Das Ich in Schönheit, Kraft, Unversehrtheit und das Ich in ausgesetzter Vulnerabilität; dessen sinnliche und geistige Existenz; dessen Strahlen und dessen Schmerz.
Mendietas filmisches Frauen-Porträt erreicht mit minimalen Mitteln maximale Tiefe und bei Rezipierenden – oder besser: bei mir? – intensivste Aufnahmebereitschaft. Ästhetische Erfahrung transformiert bekanntlich. In meiner respektabel langen Geschichte der Kunstbetrachtung ereignet sie sich äusserst selten. Vor dem Screen in der Tate Modern stellte sich ein unmittelbares und volles Ja als Antwort auf das Bild ein, ein Ja, das in stupender Art meine Ausdrucksmöglichkeit für intellektuellen Schmerz erweiterte: Aus dem Scheitel bluten. Ich blute gelegentlich aus dem Scheitel. Wie oft habe ich in einer patriarchal verfassten Welt aus dem Scheitel geblutet.
Kunstjournal 2025
Max Hari: Schauer. Sechsundsechzig Zeichnungen. Bern 2006.
Zum Jahresanfang 2025 verweise ich ganz ohne Kommentar auf etwas Unvergessenes und sogar Unvergessliches:
Die Kantonale Kommission für Kunst und Architektur hat 2006 einen Schuber mit sechsundsechzig Zeichnungen des Künstlers herausgegeben. Im Original haben die Zeichnungen ein Format von 76 x 107cm, im Schuber ein Format von 32 x 45cm.
Kunstjournal 2024
El Anatsui: Behind the Red Moon. Turbine Hall, Tate Modern, London 2024
Die Turbinenhalle der Tate Modern in London, dieses urbane, rohe, brachiale historisches Gedicht, zieht immer wieder in Bann. Über der leicht abfallenden Rampe hoch oben ein stahlverstrebter Industriehimmel mit Lichteinfall wie durch Milchglas. Rampe und Himmel grau, schwarz, schlammfarben. Dunkler Stahl, gebrauchspolierter Stein. Alles schwer und monströs gross.
Aktuell hängt In dieser Eingangshalle aufgespannt ein rotes Segel. Auch dieses Gewebe von gigantischer Grösse. Und überschwänglich im Rot: blutrot, braunrot, bläulich rot, orange, purpurn, violett und tiefrot, tief rot und überdies rotgolden. Es glänzt. Noch nie habe ich etwas Ähnliches in solch einer Materialität, Proportion und Farblichkeit gesehen. Die Rucksackkontrolle am Eingang ist vorbei, aber ich kann nicht weitergehen vor diesem Tuch und Rot. «Ein Tuch?», lacht die Polizistin und schubst mich auf der Rampe voran. «Ein Tuch?!» Schönheit kann paralysieren. Ich stolpere weiter und drehe mich auf der Rampe um.
Das überirdische Segel ist auf der anderen Seite lichtdurchflutet gelb, in unregelmässigen Falten und Formen fahlgelb, lachsfarben, pink im Schattenwurf, transparent und auch wieder nicht, oszillierend.
Was von Auge nicht sichtbar ist, darüber klären Schrifttafeln auf: Anatsuis Prunk-Gewebe besteht aus Flaschendeckeln. Weggeworfenes Industriegut, Abfall des Massenkonsums wurde in handwerklicher Kleinstarbeit zur majestätischen Installation. Ganz ohne Seide und Gold entwickelt die künstlerische Transformation strahlende Opulenz – und sie ist keine Einzelleistung.
Das Tuch oder Segel erzählt unter anderem vom blutigen Schatten der Geschichte und weltpolitischen Gegenwart und ebenso von der menschlichen Kleinstarbeit, dem Schatten unbeirrbar mit lächerlich erscheinenden Mitteln zu trotzen. Genauer: Die Installation materialisiert dieses Narrativ. Ach, der rote Vollmond im Kernschatten der Erde. Ich würde kapitulieren ohne das Wissen um die Perspektive «Behind the Red Moon».
Kunstjournal 2023
Berlinde de Bruyckere: Speakless grey horse. Kunsthaus Zürich, Juli 2011.
Kunsthäuser an einem regnerischen Sommertag in den Ferien, überall auf der Welt: Schlangen vor der Kasse und der spontane Impuls, der musealen Kunst sofort und ohne Bedauern den Rücken zu kehren. Ich bin für einmal geblieben, habe meinen Beuys in anderen Zusammenhängen als der berühmten Fettecke und den bekritzelten Wandtafeln gesehen. Fett flüssig als Olivenöl dies Mal, in unzähligen Flaschen aufgereiht, den Meister selbst auf Fotos, wo er Bäume pflanzt, den Meister in von ihm in Auftrag gegebenen Metallschreinen (Wie kann man nur so von sich selbst überzeugt und hingerissen sein, dass man bei lebendigem Leib und ebensolchem Bewusstsein schwere Ausstellungsmöbel für eigene Fotografien anfertigen lässt?), den Meister auf Plakaten – den Joseph Beuys (auch das ist mir erstmals aufgefallen) mit seinem allzu frühen Tod. Etwas über sechzig ist er geworden. Ich habe mich schnell und leicht von ihm verabschiedet. Sein unverschämtes Lachen hat mir gefehlt. Die wiederholte Selbstinszenierung mit Hut im Stile des greisen und peinlich-eitlen Armani hingegen kann mich nicht interessieren.
Sammlungsstücke jetzt, man kommt nicht darum herum, zieht im Kinder- und Touristengetümmel an ihnen vorbei, sieht Bemerkenswertes wie Die Rache des Achilleus (grossformatige Skizze in Oel, bleistiftartige Schriftzeichen, die sich zur blutroten Speerspitze verengen) und dann endlich das Speakless grey horse von Berlinde de Bruyckere. Wie es da liegt. O Fallada!, du hängst nicht, du liegst auf dem nackten Museumsboden auf deiner Seite, dein Kopf ist weg, deine Beine sind Stümpfe, du hast keinen Schweif und feine, genähte Narben da, wo deine Gestalt versehrt ist. Das Darstellungsformat ‚Torso’ ist mir bestens bekannt, aber hier liegt keine Frau, kein Mann, sondern ein Pferd. Du liegst als zu Fall gebrachte Kreatur. Pegasus, Arbeitstier, Rennpferd. Stark und in der ganzen Schönheit des schlanken Halses und der Mähne und den Schultern und Flanken und der Oberschenkelstümpfe liegst du für immer als im Lauf Niedergestreckte da, sprichst sprachlos und ganz ohne Pathos von dir genommenen Bewegungen und Möglichkeiten. Deine fahlfarbene Pferdehaut ist tadellos präpariert, die Muskeln sind geformt, die Mähne unsterblich gemacht. Diese Mähne am liegenden Pferdehals, die fliegen könnte und fliegen müsste bei jedem Wetter, die mal filzig, stumpf und in Strähnen, mal kraus, mal lichtglänzend einen lebendigen Hals umspielt hat, ist Material geworden. Man möchte es anfassen, das zur Strecke gebrachte Leben im schweren, gesunden Pferdeleib – und bei sich selbst. Das plötzliche Innewerden eines Skandalon. Die Skulptur von Berlinde de Bruyckere schwemmt Wärme für das Lebendige und heissen Widerstand gegen das auf, was zu Boden wirft, Hände und Füsse abhackt, den Kopf sogar, die Bewegung und den Laut. Das Niederstrecken blosslegen, blossstellen, anklagen, zurückweisen. Wenn Kunst das kann, kann sie’s selbst an einem regnerischen Sonntag in den Ferien in einem überfüllten Kunsthaus.